© Fotolia - Gorodenkoff

Arbeitsschutz studieren

Viele Wege führen zum Erfolg. Neben einer berufsbegleitenden Sifa-Ausbildung durch Bildungsstätten gibt es die Möglichkeiten eines akademischen Studiums, um später als Fachkraft für Arbeitssicherheit bestellt werden zu können. Titelstory der VDSI aktuell 6/2018.

Viele von uns kennen den klassischen Weg zur Fachkraft für Arbeitssicherheit: Nach einer technisch höher qualifizierten Ausbildung als Ingenieur, Meister oder Techniker, einigen Jahren Berufserfahrung und dem Erwerb der sicherheitstechnischen Fachkunde im Rahmen eines Ausbildungslehrgangs („Sifa-Ausbildung“) kann eine Bestellung zur Fachkraft für Arbeitssicherheit (Sifa) durch den Arbeitgeber erfolgen. Es gibt aber auch einen nicht zu vernachlässigenden zweiten Weg: die direkte berufliche Qualifikation als Sicherheitsingenieur im Rahmen eines Studiums. Hier gibt es mittlerweile viele Möglichkeiten, wie junge Menschen für den Arbeitsschutz begeistert werden können.

Die Hochschulen (1) in Deutschland haben einen verfassungsrechtlich geschützten Forschungs- und Bildungsauftrag. Hochschulabschlüsse sind als Berufsabschlüsse anerkannt, in der Regel und gemäß dem Bologna-Prozess in Form eines Bachelors, Masters oder einer Promotion. Staatsexamen sind weitgehend nur noch in der Medizin, der Juristerei und der Lehramtsausbildung üblich. In Einzelfällen finden z.B. in akademisierten Gesundheitsberufen Doppelabschlüsse (d.h. beispielsweise Bachelor und staatliche Prüfung) statt.

Die Voraussetzungen zur Bestellung als Sifa sind eine technische Grundausbildung (Ingenieur, Meister, Techniker), eine sicherheitstechnische Qualifizierung und ein gewisses Maß an Berufserfahrung. Während das Arbeitssicherheitsgesetz (ASiG) noch relativ allgemein bleibt, wird dies in der DGUV Vorschrift 2 sehr konkret. Schon heute berücksichtigt die DGUV Vorschrift 2 die Situation, dass es schon seit vielen Jahren Sicherheitsingenieurs-Studiengänge (2) gibt.

Diese Absolventen müssen, um als Sifa bestellt werden zu können, lediglich ein Jahr Berufserfahrung als Ingenieur nachweisen. 

Entgegen einiger falscher Annahmen gibt es derzeit bei Sicherheitsingenieurs-Studiengängen keine Bereichseinschränkung (Branchenspezifika). Die in § 4, Abs. 6 der DGUV Vorschrift 2 genannten drei Ausbildungsstufen gelten nur im Kontext mit § 4, Abs. 2, Satz 1, 3. Auszählungspunkt (Lehrgang) – nicht jedoch mit § 4, Abs. 2, letzter Satz (Studiengänge). Hochschulabsolventen können demnach bei Vorliegen der Berufserfahrung in allen Betriebsarten bestellt werden, wenngleich bereits im Studium schon die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen angelegt werden sollte, um Kompetenzlücken schließen zu können.

Wer sich Ingenieur nennen darf, regeln die Ingenieursgesetze der Bundesländer. In einigen Bundesländern ist dafür ein mindestens sechssemestriger Studiengang der Ingenieurwissenschaften bzw. Naturwissenschaften erforderlich. Zudem werden trotz ihrer Kürze in einzelnen Ingenieurgesetzen die Master-Studiengänge der Ingenieur-/Naturwissenschaften mit aufgenommen. 

Staatliche Hochschulen erfüllen somit die Kriterien einer staatlichen Bildungseinrichtung, die Lehrgänge für die sicherheitstechnische Qualifizierung anbieten können und dürfen, als auch bei Vorliegen eines (genehmigten) (3) und akkreditierten (4) Studiengangs Sicherheitsingenieure ausbilden dürfen. Im Zuge des Bologna-Prozesses können die Studiengangs-Bezeichnungen variieren (z. B. Sicherheitstechnik, Safety Engineering, etc.). Auch können die Abschlüsse variieren, z.B. B.Ing. oder B.Sc. Es handelt sich stets um Sicherheitsingenieurs-Studiengänge. Dennoch wird so die Suche nach dem richtigen Studiengang erschwert. Grundsätzlich muss unterschieden werden

  • zwischen Studiengängen, die bereits im Rahmen ihrer curricularen fachlichen Ausrichtung und der erzielbaren Bachelor- bzw. Masterabschlüsse des Fachgebiets Sicherheitstechnik u. a. mit dem Fokus auf den Arbeits- und Gesundheitsschutz vollumfänglich abdecken (Sicherheitsingenieurs-Studiengänge).
  • Studiengängen der Ingenieurwissenschaften, bei denen eine Qualifizierungsmöglichkeit ergänzend zum Studium angeboten werden. Ziel ist auch hier die spätere Bestellung als Sifa. Realisiert werden diese add-on-Angebote durch Wahlpflichtveranstaltungen oder freie Wahlfächer (Ingenieurstudiengänge mit Zusatzqualifikation).

Der Unterschied zwischen beiden Arten ist vor allem für die Hochschule und deren Qualitätssicherungsverfahren (Akkreditierung und/oder externe Anerkennung) wesentlich. Über das künftige Vorgehen dazu finden zurzeit Abstimmungsgespräche zwischen den Hochschulen, der BAuA und der DGUV statt.

Für die Studienplatzbewerberinnen und -bewerber besteht die Qual der Wahl: Die Studiengänge genießen einen guten Ruf, die Berufsperspektiven sind durchweg positiv. Insofern sollte jeder nach seinen Vorlieben die Auswahl treffen. Thematische inhaltliche Schwerpunkte, Kombinationen mit anderen fachnahen Themen (Brandschutz, Security, Katastrophenabwehr, etc.) als auch Studienrahmenbedingungen einschließlich der Wohnortnähe werden dabei sicherlich wichtige Aspekte der Überlegungen sein.

Es gibt leider nicht „den“ Überblick über alle Studiengänge mit Sifa-Qualifizierung. Die FU Berlin hat im Jahr 2016 eine Broschüre herausgegeben mit dem Titel „Sicherheit studieren. Studienangebote in Deutschland 2.0“. (5) Diese beinhaltet aber nicht nur Studiengänge mit Arbeitsschutz-Aspekten. Auch Studienschwerpunkte mit Security, IT-Sicherheit, Katastrophenabwehr, Kriminalistik, Konfliktforschung, etc. werden aufgelistet.

Schneller fündig wird man, wenn man auf der Internetseite „Hochschulkompass“ der Hochschulrektorenkonferenz unter dem Begriff Sicherheitstechnik sucht. Die akkreditierten Studiengänge (derzeit 28), die mit diesem Schlagwort verknüpft wurden, können so schnell gefunden werden. Aber Vorsicht: Nicht alle diese Studiengänge bieten eine Ausbildung zur Sifa an. Es lohnt sich also, sich mit den genauen Curricula der jeweiligen Studiengänge zu beschäftigen.

Studiengänge mit Qualifizierung zur Sifa findet man auch auf der Internetseite der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). (6) Wermutstropfen: Nicht alle Studiengänge sind gelistet. Manche Hochschule kooperiert mit einem Unfallversicherungsträger, sodass dieser die Ausbildungszertifikate ausstellt. Dann entfällt die Listung auf der BAuA-Seite.

Wer einen passenden Sicherheitsingenieurstudiengang sucht, ist gut beraten, sich an mehreren Stellen zu informieren und die genauen Beschreibungen auf den Hochschulportalen zu studieren.

Im Zuge der Reform und Weiterentwicklung der bisherigen Ausbildung zur Sifa durch die DGUV und BAuA unter Mitwirkung des VDSI (wir haben berichtet) müssen auch die Studiengänge sich auf Veränderungen einstellen. Ziel ist es, dass die Arbeitsschutzwelt eine gegenseitige verständliche Sprache spricht. Zudem sind Kommunikationsfähigkeiten sowie methodische Kompetenzen zu stärken – ganz im Sinne des vom VDSI entwickelten Bildes des Managers für Sicherheit und Gesundheit.

Dieser Prozess ist also im Fluss. Die nächsten Jahre werden spannend.


Der VDSI bietet Ihnen während Ihres Studiums eine kostenfreie Mitgliedschaft an.
Erfahren Sie dazu mehr in unserem VDSI-Flyer "Die VDSI-Mitgliedschaft für Studierende – Deine Starthilfe in den Beruf".


(1) Im Folgenden werden mit Hochschulen sowohl die Fachhochschulen, die technischen Hochschulen als auch die Universitäten gemeint.

(2) Große Pionierarbeit hat die Bergische Universität Wuppertal mit ihren Sicherheitstechnik-Studiengängen geleistet. Dies ist bis heute wegweisend. 

(3) Die Genehmigungsverfahren für Studiengänge sind in den Bundesländern unterschiedlich geregelt.

(4) Dies kann über eine Einzel- oder über eine Systemakkreditierung der Hochschule erfolgen.

(5) Gerhold, L.; Peperhove, R.; Jäckel, H. (Hrg.): Sicherheit studieren. Studienangebote in Deutschland 2.0. Forschungsforum Öffentliche Sicherheit: Schriftenreihe Sicherheit Nr. 20, Freie Universität Berlin, 2016, ISBN 978-3-96110-000-2 (Print), 978-3-96110-001-9 (Online).

(6) www.baua.de, Suche: Anerkannte-Sifa-Lehrgänge

Kontakt:
Prof. Dr. Arno Weber
VDSI-Vorstand Ressort Qualifizierung
Arno Weber vertritt das Lehrgebiet des Arbeits- und Gesundheitsschutzes im Studiengang Security & Safety Engineering an der Hochschule Furtwangen und ist dort für die Entwicklung der Sifa-Kompetenzen verantwortlich.
Telefon: +49 7723 920 2451
E-Mail: a.weber@vdsi.de